Veilchen2.0

Normale Version: Letztlich sind wir dem Universum egal (David Levithan)
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„Letztlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan ist ein hochphilosophischer Jugendroman. Was wäre, wenn man jeden Tag einen neuen Körper hätte? Wenn es der Körper eines anderen Menschen ist, teilt man für 24 Stunden dessen Leben. Für denjenigen, dessen Leben übernommen wird, macht dieser eine Tag wenig Unterschied, wenn der Untermieter brav seine Hausaufgaben erledigt, Vereinbarungen einhält und nichts Außergewöhnliches unternimmt. So hat es A bisher auch gehalten. A hat keinen richtigen Namen und auch keine Eltern, weil er oder sie täglich in einem anderen gleichaltrigen Körper aufwacht, immer nur wenige Wegstunden vom vorigen Ort entfernt.
Doch was macht das mit A? Wie fühlt man sich, ohne einen eigenen Körper, eigenes Leben, eigene Eltern und eigene Freunde? „Ich bin Treibgut“, sagt A über sich selbst. „Ich lebe in der Gegenwart.“ Er sehnt sich dennoch nach Beständigkeit. Über das Internet ist das möglich, durch die virtuelle Welt, in der man keinen Körper benötigt. Täglich kann er sich ins selbe Online-Portal und seine Mailbox einloggen und mit denselben Menschen kommunizieren.
A erlebt die Vergänglichkeit zwischenmenschlicher Bindungen, beobachtet die sich immer wieder erneut wiederholenden Muster in den Leben anderer Menschen, erwirbt eine umfassende Menschenkenntnis, Feingefühl und Mitgefühl.
Es geht nicht nur darum, wie es sich anfühlt, jeden Tag ein anderes Leben zu führen, sondern auch darum, was es mit den anderen macht, wenn jemand sich einen Tag lang anders verhält als sonst. Rhiannon liebt ihren Freund Justin und glaubt fest daran, dass er sie tief drinnen auch liebt, selbst wenn er es meistens nicht zeigt. Und dann kommt dieser Tag, an dem sie die Schule schwänzen und einen glücklichen Tag am Meer verbringen. Da verliebt sich nicht nur Rhiannon neu in Justin, sondern auch A in Rhiannon. Denn A ist heute Justin. Er verliebt sich so sehr, dass er Rhiannon als dem allerersten Menschen von sich erzählt, die ganze Wahrheit.
Eine schwierige Liebesgeschichte entspinnt sich, „etwas Unsicheres“, wie Rhiannon sagt. Täglich sieht ihr Freund anders aus, ist oft auch ein Mädchen. Junge oder Mädchen, Mann oder Frau, der/ die körperlose A sieht da keinen Unterschied. Rhiannon schon. Und den übergewichtigen Flynn kann sie nun wirklich nicht lieben. Auch A bemerkt: „Es war so viel einfacher, als ich noch keine Wünsche hatte.“ Doch er liebt dieses Mädchen gerade darum, weil er sie mit so vielen anderen Menschen vergleichen kann und die ungewöhnliche Güte in ihr sieht.
Während sich die Liebesgeschichte windet, spitzt sich eine andere Situation allmählich zu. Man kommt A auf die Schliche. Ein Pastor recherchiert zum Thema „dämonische Besessenheit“ und als A sich den Fragen eines seiner früheren „Opfer“ stellt und den Pastor trifft, eskaliert die Situation. A weiß nun, dass es noch mehr von seiner Art gibt. Das ist aber keine gute Nachricht. Andere sind auf die Idee gekommen, diese Gabe dazu zu nutzen, um Schlechtes zu tun. Sie können ein Verbrechen begehen, Leben zerstören, ohne jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden. Bestraft wird der Mensch, in dessen Körper sie die Tat begangen haben. A könnte auch, wenn er wollte, in demselben Körper bleiben. Doch das wäre Mord! Jemand müsste dafür sterben, verschwinden. Das will er nicht. Er muss eine Entscheidung treffen.
Dieser Roman ist wunderbar tiefsinnig, wirft viele neue und interessante Fragen auf. Es geht nicht nur darum „Was wäre wenn?“ sondern zeigt auch neue Wege für unser wahres Leben auf.

Andrea Herrmann, erschienen in Veilchen Nr. 60, Januar 2018
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