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Normale Version: Die Wilden – Eine französische Hochzeit (Sabri Louatah
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Gerade noch befand sich ganz Frankreich mitten im freudigen Trubel einer Präsidentschaftswahl, die Familie Nerrouche feierte die Hochzeit von Kenza und Slim in Saint-Étienne. Es bestand kurz bevor, dass ein arabischstämmiger Politiker der neue Präsident der Französischen Republik wird.
Und dann fällt ein Schuss und der Lauf der Welt verändert sich. Die Nerrouches werden verhaftet, der Präsidentschaftskandidat Chaouch liegt im Krankenhaus im Koma, während die Wähler noch ihre Stimmen abgeben. In Paris brennen Mülltonnen und Autos, die Jugend gerät außer Rand und Band.
Dieser Roman webt eine Geschichte, die sich so tatsächlich abspielen könnte. Nordafrikanische Migranten leben seit Jahrzehnten in Frankreich und was wäre wenn…? Die Familie Nerrouche vereint alle möglichen Charaktere: angepasste und rebellische, hart arbeitende und kriminelle, freundliche und böse. Besonders die drei Brüder Slim, Fouad und Nazir könnten unterschiedlicher nicht sein. Slim ist ein schwacher, unsicherer Typ. Fouad ist der maskuline, in die Gesellschaft integrierte, gutaussehende Schauspieler einer Fernsehserie, den jeder kennt und liebt. Und Nazir ist der Drahtzieher des Attentats, der viele Menschen benutzt hat und dann weggeworfen, der gezielt Unfrieden stiftet und sich nun auf der Flucht durch ganz Europa befindet. Auch den gerade angeheirateten Mouloud Benbaraka, Onkel von Kenza und Zuhälter von Beruf, spannt er für seine Zwecke ein und liefert ihn dann an die Polizei.
Dieser groß angelegte Roman mit Dutzenden von detailliert gestalteten Persönlichkeiten protokolliert minutiös die Geschehnisse kurz vor und nach dem Mordversuch. Außer den algerienstämmigen Nerrouches erleben wir auch die Arbeit der Polizei, das Privatleben des Richters und die Schmerzen der Familie Chaouch mit. Eine klare Hauptfigur lässt sich nicht ausmachen, sondern wie in einer Fernsehserie laufen viele Handlungsstränge parallel ab und wir können es uns aussuchen, wessen Schicksal uns am meisten interessiert.
Ein wenig verwirren die zufälligen Verknüpfungen, die vielleicht doch nicht ganz zufällig sind: Der Schauspieler Fouad, Cousin des Attentäters Krim, geht mit Jasmine aus, der Tochter Chaouchs. Sie haben sich in einem Café kennen gelernt. Genauso zufällig kannte Krim Aurélie, die Tochter des Richters, der den Fall dann untersucht, bis eben diese Verbindung herauskommt und er wegen Befangenheit den Fall abgeben muss. Haben sie sich zufällig kennen gelernt oder hatte auch hier der teuflische Nazir seine Hände im Spiel? Das bleibt offen.
Das Motiv der „Wildheit“ durchzieht den Roman, beispielsweise in Form eines Musikstücks gleichen Namens von Rameau und zahlreicher Zitate. Das zivilisierte Frankreich wird barbarisch.
Dieses doch recht umfangreiche Buch scheint erst der Anfang einer Serie zu sein. Es endet in dem Moment, als Chaouch aus dem Koma erwacht und wirres Zeug redet. Wer ist denn nun der Präsident von Frankreich? Wird die Polizei Nazir endlich erwischen? Welche Wendung nimmt der Fall, nachdem er von dem neuen, knallharten Richter übernommen wird? Wird Fouad seine Beziehung mit Jasmin retten können? Wird die Liebe siegen oder wird er sich radikalisieren? Werden die Jugendlichen ihre Rebellion aufgeben und wieder brav zu Hause bleiben? Oder geht ganz Frankreich in Flammen auf? Das erfahren wir hier noch nicht.

Sabri Louatah: Die Wilden – Eine französische Hochzeit
Wilhelm Heyne Verlag München, 2017
Taschenbuch, 702 Seiten, 18,00€
ISBN 978-3-453-27119-7

Rezensiert durch Andrea Herrmann
erschienen in Veilchen Nr. 60, Januar 2018
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