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Parzival (Wolfram von Eschenbach)
05.10.2017, 09:14
Beitrag: #1
Parzival (Wolfram von Eschenbach)
„Parzival“ von Wolfram von Eschenbach ist ein weiterer Raufbold. Ich beziehe mich hier auf die Hörbuchfassung von Dieter Kühn. Dieser ein wenig ziellose Abenteuerroman aus dem Mittelalter existiert heute noch in 80 handgeschriebenen Exemplaren, muss also zu seiner Zeit ein rasanter Bestseller gewesen sein. Edle Ritter, schöne Frauen und Aventure beherrschen das Bild. Parzival ist weltfremd aufgewachsen, nachdem seine Mutter sich mit ihm in den Wald zurück gezogen hatte. Keine Ahnung hat er von den Menschen, der Welt oder dem Rittertum. Doch gleich beim ersten Aufeinandertreffen mit Rittern weiß er, dass er auch so einer werden will! Die Mutter fürchtet, ihn genauso zu verlieren wie ihren Ehemann und kleidet ihn schlecht ein, in der Hoffnung, man würde ihn auslachen und so zur Heimkehr zwingen. Doch es kommt anders. Er zieht aus als ein hübscher, ganz besonders hübscher Trottel, über den sich die anderen amüsieren. Leider weiß er die eigentlich nicht falschen Ratschläge seiner Mutter nicht richtig einzuordnen, befolgt sie wörtlich und bringt so Chaos und Leid über diejenigen, mit denen er zuerst zu tun bekommt. Später sucht er sich einen grauhaarigen Ritter als Lehrer, doch auch dessen Ratschläge führen nicht immer zum Erfolg. Besonders der Rat, keine neugierigen Fragen zu stellen, versäumt die Erlösung eines leidenden Edelmannes. Hätte Parzival doch nur gefragt! Doch die verpasste Chance lässt sich nicht nachholen. So trampelt Parzival durch die Histoire, außergewöhnlich schön und ungeschlagen im Tjost, doch unbeliebt durch seine Fehler, bis er sich schämend in den Wald zurückzieht. Parzival bekommt jedoch sein Comeback und wird nun doch noch freundlich an König Artus‘ Tafelrunde gebeten. Parzival hat seine Lektionen gelernt, weiß nun, worauf es beim Ritter ankommt: Nicht nur Kampf, sondern auch Minne, nicht nur Herrschen, sondern auch Dienen.
Für uns Neuzeitmenschen liefert dieser Roman wertvolle Details zum Leben und den Idealen des Mittelalters, ritterliche Werte und Bräuche. Der Adel schien damals außer Raufereien und Minne wirklich nicht viel anderes im Sinn gehabt zu haben. Der Ritter zieht aus auf Aventure, befreit adlige Jungfrauen aus der Not, erobert und verliert Ländereien, und wenn er im Zweikampf einen würdigen Gegner besiegt, sendet er ihn mit einer Botschaft an die holde Frau zu Hause, die so wenigstens gelegentlich Nachricht vom Verbleib ihres Gatten erhält. Eine große, auch kontinentübergreifende Rastlosigkeit scheint den Adel ergriffen zu haben. Nur wenige scheinen in Burgen zu leben, die meisten streifen in Zelten umher. Und auch die Sesshaften pflegen noch nomadische Sitten wie das Aufheben der Tafel, das heißt, diejenigen Damen und Herren, die heute zum Dienst eingeteilt sind, tragen nach dem Essen Tische und Klappstühle nach draußen. Gebadet wurde übrigens gerne, vor allem nachdem der Ritter sich aus der Rüstung schälte. Denn diese wurde mit Rüstungsschmiere geschmeidig gehalten und klebte am Helden.
Sprachlich ist diese Geschichte auch schön bunt. Besonders viele Begriffe gibt es für das Kampfgeschehen. Da vermisst einer die Länge der Bahn im Fluge, durchpflügt den Schnee oder lernt den Sturz kennen.

zuerst veröffentlicht im Veilchen, Ausgabe 59, Oktober 2017
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