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Ausgerechnet heute! Sterben mit Hindernissen (Simone Hausladen)
05.10.2017, 09:15
Beitrag: #1
Ausgerechnet heute! Sterben mit Hindernissen (Simone Hausladen)
Henry Laurenz ist der erfolgreiche Teilhaber einer Steuerberatungskanzlei, seine Frau Elisa liebt ihn wegen seiner Beständigkeit seit über zwanzig Jahren, sein Sohn studiert nun. Sorgen muss sich Henry keine machen, und doch hat er Kummer. Es läuft alles nicht so, wie er es sich wünschen würde. Sein finanzieller Erfolg bedeutet ihm wenig, weil er sich leer und müde fühlt. Nachts kann er nicht schlafen und irrt ziellos durch das Haus. Im fehlen Freunde, sein Sohn spricht schon lange nicht mehr mit ihm, und er versteht auch nicht, warum die quirlige, reiselustige Elisa überhaupt noch bei ihm bleibt. Mit jedem anderen könnte sie es besser haben! Henrys Launen ziehen auch ihre Stimmung herunter und seine Schlaflosigkeit lässt auch sie nicht schlafen. Henry hat Depressionen, eine Besserung ist nicht in Sicht. Darum plant er akribisch, wie es seine Art ist, seinen Selbstmord und regelt alle Angelegenheiten für seine Familie und Geschäftspartner.
Am 27. Juni ist es so weit. Der Tag ist genau durchgeplant. Wie seltsam es sich anfühlt, alles zum letzten Mal zu tun! Doch schon auf der Fahrt zur Arbeit folgt er einem Umleitungsschild und gerät in einen Hinterhalt. Er wird ausgeraubt und verprügelt. Tapfer, jedoch vergeblich verteidigt er die Tasche mit den vertraulichen Daten seiner Klienten. Ausgerechnet heute! Viel zu spät kommt er im Büro an, um mit den letzten Aufräumarbeiten zu beginnen. Nichts Persönliches soll in seinem Büro zurückbleiben, doch da gibt es ohnehin erschreckend wenig. Henrys Zeitplan gerät durch mehrere ungeplante Besuche durcheinander. Zuerst kommt Elisa vorbei, um ihm zu sagen, dass sie die Geschäftsanteile ihrer Firma verkaufen wird, um mehr Zeit für ihn zu haben. Leider freut ihn das gar nicht. Wozu auch? Elisa verlässt ihn enttäuscht. Wenig später erscheint überraschend sein Sohn Baptiste bei ihm, um ihm mitzuteilen, dass er Vater wird und Henry Großvater. Richtig froh ist Henry nicht darüber, obwohl er sich immer einen Enkel gewünscht hatte. Doch er bedenkt, dass sein Sohn noch zu jung ist und sich damit sein Leben verdirbt. Er selbst wird den Enkel ohnehin nie zu Gesicht bekommen und muss nun seine Vorsorgeregelung umschreiben, damit auch der Enkel finanziell bedacht wird. Heute läuft aber gar nichts nach Plan!
Doch da ohnehin schon alles durcheinander ist, macht Henry auf dem Weg zum Polizeirevier noch einen längst fälligen Besuch bei seiner jüngeren Schwester Marie. Sie hatte an einem viel früheren 27. Juni einen folgenschweren Unfall gehabt, an dem Henry sich schuldig fühlt, der selbst damals erst zehn Jahre alt war. Ihr Gehirn wurde verletzt und sie lebt seither in einem Heim. Henry finanziert die Unterbringung, besuchte Marie jedoch nie und öffnete nicht einmal die Briefe, die das Pflegeheim ihm schickte. So stellt er nun überrascht fest, dass Marie mit einem Lebensgefährten in einer kleinen Wohnung wohnt. Ja, sie ist ein Pflegefall, aber sie liebt ihren Mann und fühlt sich wohl. Was für eine Erleichterung! Auf dem Rückweg – ausgerechnet heute! – begegnet er auch noch Helen Roth, seiner einzigen Affäre während seiner Ehe. Ausgerechnet heute erleidet sein Partner Gunther einen Herzinfarkt. Wer soll die Kanzlei leiten, wenn beide sterben? Zum Glück kann Gunther erfolgreich operiert werden. Zu guter Letzt findet Henry beim Aufräumen seiner Schreibtischschublade den immer noch ungeöffneten Abschiedsbrief seines Vaters, der Selbstmord begangen hatte. Auch er litt an Depressionen und entschuldigt sich bei seinem Sohn für seine krankheitsbedingte Lieblosigkeit. Henry erkennt, dass er nicht nur die Krankheit geerbt hat, sondern ihn auch belastete, dass er die Distanziertheit seines Vaters persönlich genommen hatte. Ausgerechnet oder gerade heute hat Henry den Mut, allen Tatsachen ins Auge zu blicken, die Vergangenheit zu klären, ganz ohne Tabus. So mancher Knoten löst sich dadurch.
„Mittags und am frühen Nachmittag hatte er ganz kurz an seinem Vorhaben gezweifelt. Elisa, Baptiste, Marie – die drei wichtigsten Menschen in seinem Leben, seine Familie, waren ihm heute – ausgerechnet heute – wieder nahe gewesen. Für kurze Zeit hatte er sich nicht mehr einsam und von aller Welt verlassen und missverstanden gefühlt. Aber er hatte sich nicht hinreißen lassen. Er war hart geblieben. Sein Entschluss stand nun einmal fest. Basta.“ Das Ende wird natürlich nicht verraten!
Während wir Henry durch seinen mutmaßlich letzten Tag begleiten, lernen wir viel über Depressionen, eine Volkskrankheit, an der in Deutschland vier Millionen Menschen leiden: Wie fühlt sie sich an, wie entsteht sie, wie lässt sie sich heilen? Henry lebt definitiv nicht in Harmonie mit seiner Umwelt: „Er verstand seine Frau einfach nicht. Sie musste doch langsam genug von seinem Desinteresse und den patzigen Antworten auf alle ihre Fragen haben. Manchmal, wenn sie wieder einmal auf ihn einredete und es ihm dann gelang, ihre Stimme auszublenden, kam ihm der Gedanke, dass sie keine Ahnung davon hatte, wer er eigentlich war und was er gerade durchmachte. Umgekehrt hatte auch er das Gefühl, seine Frau nicht mehr zu kennen. Konnte man einen Menschen überhaupt jemals wirklich kennen? Er wusste nicht einmal mehr, warum sie immer noch verheiratet waren. Warum war sie immer noch hier? Warum konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen und ihr eigenes Leben leben? Elisa hätte glücklich sein können. Was wollte sie noch von ihm? Er verlangte doch nicht viel. Nur seinen Frieden. Vollkommene, erlösende Isolation. Die ganze Welt um ihn herum erschien ihm wie eine einzige Rüge, eine ständige Qual im Versuch der Gestaltung einer lebenswerten menschlichen Existenz, die ihm den Atem nahm und sich wie eine Tonne Blei auf seine Brust legte. Sein einziger Trost war das absehbare Ende“.
Dies ist ein abwechslungsreich, realistisch und feinfühlig komponierter Roman über ein ernstes Thema. Auch wenn diese Geschichte erfunden ist, erleben doch so viele Menschen ähnliche Gefühle. Sicher kennen Sie auch einen davon.


Simone Hausladen: Ausgerechnet heute! Sterben mit Hindernissen
Südwestbuch Verlag, 2017
Taschenbuch, 200 Seiten, 12,80€
ISBN 978-3-946686-24-8

Rezensiert durch Andrea Herrmann

zuerst veröffentlicht im Veilchen, Ausgabe 59, Oktober 2017
http://www.geschichten-manufaktur.de
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