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Nietzsche und die Folgen (Andreas Urs Sommer)
05.10.2017, 09:16
Beitrag: #1
Nietzsche und die Folgen (Andreas Urs Sommer)
Nietzsche war noch nie mein Lieblingsautor, um es mal vorsichtig auszudrücken. Schließlich predigte er Rücksichtslosigkeit und Sozialdarwinismus. Nun habe ich dieses Buch über Nietzsche gelesen und fühle mich bestätigt, freue mich aber auch über die ausgewogene Diskussion, die Sommer Nietzsche zuteilwerden lässt.
Dieses Buch beginnt mit einer kurzen Biographie. Was hat Nietzsche geschrieben, wie sind diese Werke entstanden und mit welcher Zielsetzung? Wie sah Nietzsche sie selbst? Zuletzt diskutiert Sommer sehr ausführlich und objektiv, wie, von wem und zu welchem Zweck Nietzsche zitiert wurde, wie seine Lehren verwendet oder missbraucht wurden, welche der Urteile über ihn angemessen und welche unangemessen sind und welche seiner Publikationen vermutlich gefälscht sind.
Geboren wurde Friedrich Nietzsche am 15.10.1844 als Sohn eines Pastors, und sein ganzes Leben lang blieben die Moral und besonders die christliche Moral für ihn ein schmerzhaftes Thema. Bereits mit 25 erhielt Nietzsche eine Professur für Altphilologie an der Universität Basel, obwohl er da noch gar nicht promoviert war. Die Lehre machte ihm wenig Freude und er wurde so krank, dass er die Lehrtätigkeit nach zehn Jahren ganz aufgeben musste. Fortan lebte er als „freischaffender Philosoph“, finanziell versorgt durch seine Professorenpension. Bis heute bleibt unklar, welche Art von Krankheit ihn so sehr quälte. Er litt an Kopf- und Augenschmerzen und häufigem Erbrechen. Regelmäßige Sommeraufenthalte im Engadin und Winterreisen nach Italien und Frankreich verschafften ein wenig Linderung.
Mit den Frauen hatte er kein Glück. Durch Paul Rée lernte er Lou von Salomé kennen, die dann von beiden Männern gleichzeitig einen Heiratsantrag erhielt. Nietzsches Schwester Elisabeth zerstörte die Freundschaft mit dieser Frau durch ihre Eifersucht.
Als Mensch war er offensichtlich nicht einfach. „Heiterkeit ist mir fremd“, schrieb er selbst über sich in einem Brief. Er frönte Schopenhausers Pessimismus. Selbst seine tiefsten Freundschaften wie die mit Wagner, gingen böse in die Brüche, nicht ohne dass er den ehemaligen Freund schwer und schriftlich in einem Buch beleidigte. Bücher zu schreiben schien für ihn eine Art der Kommunikation zu sein. Sehr oft wetterte er schriftlich gegen andere, gegen Konkurrenten, Überväter, ehemalige Freunde wie den Musiker Richard Wagner, den Philologen Paul Rée. Außerdem lehnte er sich gegen religiöse und alle anderen bisher existierenden Wahrheiten auf und erschuf ein eigenes, nihilistisches Weltbild. Vermutlich auch wegen seiner Krankheit schrieb Nietzsche keine durchgängigen Monographien, sondern Aphorismensammlungen über alle möglichen Themen. Meist schrieb er in wenigen Tagen des Rausches sehr viel, dann wieder nichts mehr. Die Phasen ohne neuen Ideen überbrückte er dadurch, dass er Folgebände zu früheren schrieb, um das Damalige noch zu verdeutlichen.
Für Nietzsche war Moral ein Vorurteil, das Produkt einer zufälligen Entwicklung, das Ergebnis eines Sklavenaufstandes, der dazu führte, dass die Moral der Schwachen herrschte. Er bezeichnete die Lust, zu anderen grausam zu sein, als natürlich und hielt es für ungesund, dass die Moral diesen Drang unterbindet. Es würde durch sie ein künstliches schlechtes Gewissen erzeugt, um die Menschen zu kontrollieren. Das Christentum sollte starke Barbaren zähmen, indem es sie krank machte. Den christlichen Gott bezeichnete er als lebensfeindlich, die christliche Tugend des Mitleidens mit Schwachen verurteilte Nietzsche. Stattdessen müsse man einen besseren Menschen züchten. 1888 driftete Nietzsche in die völlige Umnachtung ab, als er verwirrte Briefe nicht nur an seine Freunde, sondern auch an verschiedene Königshöfe sandte, um einen Krieg zu provozieren. Zunächst kam er in eine Klinik, lebte dann bis zu deren Tod bei seiner Mutter und anschließend für den Rest seiner Tage bei seiner Schwester. Im Jahr 1900 starb Nietzsche nach elf Jahren Siechtum.

Seine Bücher fanden keinen allgemeinen Anklang, vielen missfiel der destruktive Schreibstil. Die Werke erreichten Auflagen von 100 oder 200 Exemplaren. Trotzdem hielt Nietzsche sich für den wichtigsten Denker. Sein Zarathustra bedeutete für ihn eine Art neue Bibel. Nietzsche glaubte, mit seinen Büchern eine neue Zeitrechnung einzuläuten. Nietzsche zweifelte nie daran, der Menschheit ein großer und wichtiger Lehrer zu sein. „Ich bin das furchtbarste Dynamit, das es gibt.“ Aber auch andere teilen diese Einschätzung, beispielsweise Theodor Lessing, der feststellt, dass mit Nietzsche zwei Jahrtausende Geschichte im Staub versinken und etwas Neues beginnt.
Obwohl zu Lebzeiten wenig gelesen und wenig geliebt, sorgten seine Schwester und das Dritte Reich für einen großen Nachruhm. Seine Schwester Elisabeth legte ein Archiv und Nietzsche-Museum an, fälschte angebliche Briefe von ihm. Nietzsche gilt als Ideengeber für das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien. Adolf Hitler war am Nietzsche-Nachlass persönlich interessiert und förderte (und kontrollierte) das Nietzsche-Museum. Thomas Mann warf jedoch die Frage auf, ob wirklich Nietzsche den Faschismus gemacht hat oder eher umgekehrt der Faschismus ihn.
Dieses Buch wertet nicht Nietzsches Ideen und Behauptungen, sondern fasst umfangreiche Recherchen des Autors Sommer über Leben, Werk und Folgen Nietzsches zusammen.



Andreas Urs Sommer: „Nietzsche und die Folgen“
J.B. Metzler Verlag, 2017, http://www.metzlerverlag.de
Gebundenes Buch, 208 Seiten
ISBN 978-3-476-02654-5

Rezensiert durch Andrea Herrmann

zuerst veröffentlicht im Veilchen, Ausgabe 59, Oktober 2017
http://www.geschichten-manufaktur.de
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