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Schräger als Fiktion (englisch: Stranger Than Fiction)
24.12.2017, 18:56
Beitrag: #1
Schräger als Fiktion (englisch: Stranger Than Fiction)
„Sie bringt sie alle um!“ ruft Professor Hilbert und meint damit, dass die Autorin Karen Eiffel am Ende aller ihrer Bücher den Romanhelden tötet. Das sind schlechte Prognosen für Harold Crick, der in ihrem neusten Roman „Tod und Steuern“ die Hauptrolle spielt. Tja, was wäre eigentlich, wenn unsere Romanhelden echte Menschen wären? Würde es uns Schriftstellern dann gelingen, sie zu töten? Würden wir es wirklich über uns bringen, nachdem sie an unserer Tür geläutet haben und uns in die Augen gesehen? Der Film „Schräger als Fiktion“ (englisch: Stranger Than Fiction) geht dieser Frage nach. Das Mathematikgenie Harold Crick führt ein langweiliges, einsames Leben in einer schmucklosen Wohnung und einem kleinen Cubicle als Büro. Er arbeitet bei der Steuerfahndung, zählt seine Schritte und stellt seine Uhr.
Doch eines Tages beginnt er, die Stimme der auktorialen Erzählerin zu hören. Völlig aus dem Häuschen gerät er, als sie sagt: „Er sollte nicht wissen, dass das Stellen seiner Uhr ihn schließlich töten würde.“ Er besucht zunächst eine Psychiaterin, die sofort Schizophrenie diagnostiziert. Als Harold sie fragt, was sie tun würde, wenn die Stimme echt wäre, erklärt sie, dass sie ihn zu jemandem überweisen würde, der sich mit Literatur auskennt. Und so überweist Harold sich selbst an Professor Hilbert.
Dieser hilft Harold dabei, die Autorin seines Romans zu identifizieren. Dazu müssen sie zunächst herausfinden, ob es sich um eine Komödie oder Tragödie handelt. Harold führt dazu eine Strichliste und nach einem Tag Steuerprüfung in der Bäckerei weiß er sicher: Es handelt sich um eine Tragödie. Das schränkt die Auswahl der in Frage kommenden Autorinnen weiter ein. Tja, und wenn mein Leben ein Roman wäre, in welcher Art von Geschichte lebe ich??
Schließlich erkennt Harold die Stimme der Autorin in einem Fernsehinterview wieder. Karen Eiffel ist es, die da über ihn schreibt und spricht! Er sucht sie auf und bringt sie damit noch weiter aus dem Gleichgewicht, als sie es ohnehin schon ist. Wie viele Menschen sie schon getötet hat! Und zu Harolds Tod fehlt nur noch, dass sie ihre handschriftlichen Notizen in die Maschine tippt. Dann stirbt er. Sie gibt ihm das Ende zu lesen, doch er reicht es zunächst an Professor Hilbert weiter. Dieser ist ohne Weiteres dazu bereit, einen Menschen zu opfern, einer guten Geschichte wegen. Er redet Harold ins Gewissen, er habe die Wahl, entweder ein langweiliges Leben zu führen bis ins hohe Alter oder jung als Held zu sterben. Dabei ist Harolds Leben gar nicht mehr so langweilig wie einst. Nicht nur weil Frau Eiffel ihm eine Liebesgeschichte mit der Bäckerin gegönnt hat, sondern weil auch das Wissen um seinen baldigen Tod ihn dazu ermutigt hat, seine Träume zu leben. Und ausgerechnet jetzt soll er sterben, für einen guten Romanschluss? Harold liest nun ebenfalls die Notizen und beschließt heldenmütig, sein Leben für ein anderes zu opfern, wie es geplant war. Er gibt Karen Eiffel ihr Manuskript zurück und erlaubt ihr, es wie vorgesehen zu Ende zu tippen. Morgen früh wird er an der Bushaltestelle sterben, das weiß er.
Doch macht es Sinn, einen Helden zu töten, der weiß, dass er sterben soll? Ist das nicht literarisch ohnehin etwas anderes als einen Ahnungslosen aus dem Leben zu reißen? Die Autorin packen schwere Zweifel und Gewissensbisse und so stockt sie drei Anschläge vor dem Tod und gönnt dem freundlichen Harold ein Happy End.

Andrea Herrmann, erschienen in Veilchen Nr. 60, Januar 2018
http://www.geschichten-manufaktur.de
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