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Young World – Die Clans von New York (Chris Weitz)
03.04.2018, 15:19
Beitrag: #1
Young World – Die Clans von New York (Chris Weitz)
„Die Chinesen sind schuld“, sagt der Wissenschaftler in „Young World – Die Clans von New York“ von Chris Weitz. Hätten die Chinesen nicht an dieser Biowaffe geforscht, dann hätten es auch die Amerikaner nicht getan, und dann wäre auch der Virus nicht aus dem Labor entwischt und so weiter. Dann wäre in New York nicht die gesamte Zivilisation untergegangen, als alle Erwachsenen und alle Kinder starben. Die neuartige Biowaffe tötet alle, außer Teenager, die durch ihre Hormone geschützt werden. Doch der 18te Geburtstag bringt das Aus. Die Krankheit schlägt zu und tötet innerhalb weniger Stunden.
Es ist eine zerstörte Welt, in der die Jugendlichen von New York „zwei Jahre, nachdem es passiert ist“ leben: Die sterbende Zivilisation hatte es nicht mehr geschafft, die letzten Leichen zu beerdigen, die Straßen frei zu halten, überhaupt hinter sich aufzuräumen. Stattdessen hat der letzte Zoowärter die Tiere freigelassen, in den Apotheken kam es zu Schießereien und niemand bereitete die Jugendlichen auf ihr weiteres Leben vor. Sie wussten nicht, wie man die Stromerzeugung am Laufen hält, Erdöl importiert oder Kleidung herstellt. Die Jugendlichen bewohnen die leeren Wohnungen, ernähren sich von den Resten aus den Geschäften und bauen im kleinen Stil Obst und Gemüse in den Parks an. Die Zivilisation ist zusammengebrochen, ihre Ruinen werden heruntergewohnt. Geld ist nichts mehr wert, gehandelt wird wieder durch Tausch. Oder man bestiehlt einen anderen Clan.
Überhaupt verändert das Leben mit dem nahen Tod vor Augen die Sicht auf vieles. „Warum nicht?“ lautet die neue Devise. Jeder hat Sex mit jedem. Selbst für einen Mord wird man nicht mehr bestraft. Darum können in dieser Welt nur die Bewaffneten überleben. Vieles von zuvor wurde unwichtig: Make-up, Facebook, Bildung. Stattdessen zählen nun Kalorien, Vitamine, Medikamente, Patronen.
Die Jugendlichen schließen sich zu bewaffneten Clans zusammen. Unsere Helden stammen vom Washington Square Garden und leben in einer Art kommunistischer Gemeinschaft, wo alle das wenige teilen, das sie haben. Jeder tut das, was er kann. Der kluge Brainbox bastelt Batterien, Donna versorgt die Kranken (notfalls mit Sekundenkleber und Plastikfolie) und Washington ist der „Generalissimo“, der Anführer des Clans. Als er am Tag nach seiner 18ten Geburtstagsparty an der Krankheit stirbt, vererbt er das Amt an seinen jüngeren Bruder Jefferson.
Eine kleine Gruppe macht sich auf zu einer Expedition in eine Bücherei: Jefferson, Donna, Brainbox, Seethrough und Peter. Sie suchen dort nach einem Fachartikel, der den Virus behandelt, an dem ihre Eltern gestorben sind. Dort begegnen sie einem Clan, der in priesterlicher Gemeinschaft die Bücherei pflegt und ihre seltsamen Kulte. Entsetzt stellen unsere Helden fest, dass sie an Kannibalen geraten sind.
Den blutbefleckten Artikel können sie auf ihrer Flucht mitnehmen. Er verrät ihnen, dass auf Plum Island an einem solchen Virus geforscht wurde, in einer Forschungsstation für Tierseuchen und biologische Kriegsführung. Plum Island wäre „davor“ eine zweistündige Autofahrt entfernt gewesen. Nun liegt eine abenteuerliche Reise vor ihnen, immer durch feindliches Gebiet. Dabei stellen sie fest, wie verschieden sich andere Teenager in anderen Vierteln organisiert haben.
Uptown haben die reichen Kids aus den Privatinternaten es geschafft, eine hoch zivilisierte Gesellschaft zu errichten, mit einem staatlichen Monopol auf die Herausgabe von Geld, Stromerzeugung und Steuereintreibung. Hier herrschen Wohlstand und Sicherheit, hier gibt es Handel und eine funktionierende Infrastruktur, die durch Staatsangestellte geschützt werden. Erst auf den zweiten Blick bemerken sie, dass hier sehr vieles nicht stimmt: Hier leben nur Weiße, und Frauen haben keine Rechte. Wenn sie es sich finanziell leisten können, dann mieten sie sich einen Leibwächter, ansonsten sind sie Freiwild. Auf Geldfälschung steht die Todesstrafe und in einem Käfig kämpfen Menschen und Tiere auf Leben und Tod. Die Schwachen, v.a. die jungen Mädchen, verstecken sich unter der Erde und leben in den U-Bahn-Schächten.
Unsere Helden erleben in Uptown und in den U-Bahn-Tunneln die Hölle. Sie durchqueren dann einen Park und schlagen sich in einem Museum mit einem Eisbär. Einer von ihnen überlebt das nicht.
Ausgerechnet in Harlem ist alles sauber, ordentlich und gebügelt. Die schwarzen Jugendlichen, vermutlich auch vor der Seuche schon zum frühen Erwachsenwerden gezwungen, haben sich organisiert mit Polizei und Streifenwagen und einer Waffenfabrik. Sie planen, die Stadt zu übernehmen, sobald sie genügend Pistolen erzeugt haben. Ob dies ein erstrebenswertes Ziel ist, wenn man ohnehin schon bald stirbt, oder ob es gerade darum Sinn macht, weil man wenig zu verlieren hat, diese Diskussion wird nicht entschieden.
Unsere Helden können Solon, den Anführer des Harlemer Clans, dazu überreden, ihre Expedition zu unterstützen. Nun kommen sie schneller voran, nämlich auf einem Schiff. Allerdings werden sie von drogensüchtigen Kinder-Piraten gekapert und entführt. Sie begegnen nun dem „alten Mann“, einem Mythos ihrer Zeit. Durch eine hormonelle Anomalie ist er als einziger Erwachsener nicht gestorben und forscht nun an einem Gegenmittel. Er macht Experimente an Menschen, an Jefferson, um konkret zu sein. Brainbox sagt: „Das ist ein gutes Zeichen. Versuche am Menschen sind immer der letzte Schritt.“ Zum Glück überlebt Jefferson die absichtliche Infizierung mit der Krankheit, das Serum wirkt. Und dann, als sie es gerade selbst geschafft haben, taucht ein Hubschrauber auf. Die Erwachsenen sind wieder da!
Einerseits freut man sich ja, dass die Jugendlichen nun doch eine Zukunft haben. Doch welche Art von Zukunft? Zwei Jahre Überlebenskampf lassen sich nicht einfach vergessen.
Die Geschichte enthält auch drei Liebesgeschichten, von denen zwei leider kein glückliches Ende finden. Wie normale Teenager ringen unsere Helden mit Zuneigung und Angst vor Zurückweisung, mit Unsicherheit und verpassten Chancen.
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Jefferson und der von Donna erzählt, was meiner Meinung nach sehr gut funktioniert. Spannender Lesespaß für Jugendliche und Erwachsene.

zuerst veröffentlicht im Veilchen, Ausgabe 61, April 2018
http://www.geschichten-manufaktur.de
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