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Das Lavendelzimmer (Nina George)
03.04.2018, 15:20
Beitrag: #1
Das Lavendelzimmer (Nina George)
Stillere Töne schlägt „Das Lavendelzimmer“ von Nina George an. Hier nehmen sich die Menschen Zeit für ihre Gefühle, für Heilung, Findung, Liebe, Verzeihen. Jean Perdu ist Buchhändler in Paris. Er verkauft seine Bücher als Medizin und nennt seine Buchhandlung darum auch gerne eine „literarische Apotheke“. Diese Apotheke schaukelt gemütlich auf einem Lastkahn auf der Seine, wo das eigentlich fahrtüchtige Schiff fest vertäut liegt. Zu ihm kommt regelmäßig der junge Autor Max, dessen Erstlingswerk ein Bestseller wurde, dem aber nun die Ideen für das zweite Buch fehlen. Er befürchtet, sein Erfolg sei nur ein „One-Night-Stand der Literatur“ gewesen. Der empfindsame junge Mann trägt ständig Ohrenschützer.
Zu Hause, im Haus Nr. 27 in der Rue Montagnard, lebt Jean Perdu in seiner spartanisch eingerichteten Wohnung, denn alle Möbel hat er zerschlagen und das schönste Zimmer, das Lavendelzimmer, bleibt seit 20 Jahren abgeschlossen. Doch nun zieht Catherine gegenüber ein, die von ihrem Mann zuerst betrogen und dann verlassen wurde. Sie hat keine Möbel, nichts. Darum legen die Nachbarn zusammen und Jean spendet einen Tisch, einen Küchentisch. In dessen Schublade entdeckt Catherine einen verschlossenen Briefumschlag. Jean weigert sich, das Schreiben zurück zu nehmen, zu öffnen, zu lesen. Es stammt von seiner früheren Geliebten Manon, die ihn zum Abschied an ihn schrieb. Vermutlich steht sowieso nur das Übliche darin. Doch Catherine zwingt Jean dazu, den Tatsachen in die Augen zu sehen und diese sind schrecklich. Manon schreibt hier, dass sie todkrank sei und bald sterben würde, und bittet Jean um einen letzten Besuch bei ihr in der Provence. Und er, der Beleidigte, der Verletzte, der Unnachgiebige, hatte ihren letzten Wunsch verweigert. Sie starb ohne seinen Trost!
Jean ist erschüttert und seine Schuld gibt ihm die Kraft, die Leinen zu kappen. Die Lulu, das Bücherschiff, legt ab, der Motor läuft und treibt das Schiff Richtung Süden. Doch Jean fährt nicht allein. Nicht nur seine beiden Katzen reisen mit, sondern Max gelingt es durch einen beherzten Sprung aufs fahrende Schiff, sich an Jean dranzuhängen. Unterwegs finden die beiden noch zwei weitere Weggefährten, ebenfalls Liebhaber feinsinniger Bücher. Und so geht es auf der Reise um Literatur, um das Leben, um Gefühle, und natürlich wird der Leser durch farbige Formulierungen, Wortschöpfungen und treffende Wortwahl beschenkt. Bedeutungen und deren Nuancen werden enthüllt.
Bei dieser Suchwanderung sucht Max eine neue Geschichte, Jean sucht das Verzeihen und nebenbei den anonymen Autor eines bestimmten Buchs. Die Fahrt von Paris in die Provence dauert lange, da wird unterwegs gekauft und verkauft, Freunde und Flirts gefunden, gelebt und gestorben. Zuletzt werden alle fündig. Nebenbei beginnt Jean Perdu an der Arbeit zu seiner „Enzyklopädie der Gefühle“. Auch hier geht es nicht nur um Freud und Leid, sondern um die Nuancen des Glücks und die Nuancen des Schmerzes. Da gibt es Enkelglück, Pastetenglück, die Freude an guten Büchern und an Freunden.
Hier ist der Weg das Ziel, aber das ganze Leben scheint ein Weg zu sein. Jean, dessen Entwicklung zwanzig Jahre lang stehen geblieben war wie eine Uhr, der zwanzig Jahre lang vor Selbstmitleid nicht gelebt hatte, dessen Herz tickt jetzt wieder richtig.
Der Roman wirkt etwas märchenhaft, denn hier scheinen nur gutwillige, freundliche Menschen zu existieren, trotz aller Strafzettel und Fausthiebe. Also genau das Umfeld, das die Seele zum Heilen benötigt.

zuerst veröffentlicht im Veilchen, Ausgabe 61, April 2018
http://www.geschichten-manufaktur.de
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