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Café Spontan (Thomas Schulz)
03.04.2018, 15:23
Beitrag: #1
Café Spontan (Thomas Schulz)
Es war einmal eine Stuttgarter Männer-WG in den 70ern und 80ern des vorherigen Jahrhunderts in der Stuttgarter Olgastraße… Thomas Schulz erzählt Anekdoten aus seiner Jugend. Da kommt beim Lesen Nostalgie auf! Ob das alles ganz wahr ist oder nicht, das lässt der Autor offen, aber es könnte wahr sein. Einer Männer-WG kann man doch so einiges zutrauen: dass sie den Wäschetrockner als Tomatenentsafter missbrauchen, beim Wäschewaschen 30 und 60 Grad zu 90 aufaddieren und für das Kaffeekochen eine schriftliche Anleitung benötigen.
Vier Männer lebten in dieser Wohngemeinschaft zusammen: Thomaselli, NikNik, Watzke und Cosmo. Dazu kamen noch eine zwei Meter lange Würgeschlange namens Hugo, ungezählte Mäuse und einige Schildkröten. Hier tobte die kreative Spontanität und alles war möglich. Nur eines war gut organisiert: das Baggern. Dafür ließen sich die Jungs extra 200 Visitenkarten drucken, um die jungen Damen in ihr „Café Spontan“ einzuladen.
Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit Taxifahren nachts und Speditionsdienstleistungen tags. Daneben blieb noch Zeit für die Erkundung des Stuttgarter Nachtlebens, auch über die Sperrstunde hinaus, und diverse andere Vergnügungen wie mehrtägige Radtouren und spontane Grillabende im Wald, völlig unabhängig von der Jahreszeit. Man kann ja schließlich die Grillhütte von innen mit Wolldecken vernageln und so eine Sauna daraus machen. Diverse Kneipen und Restaurants sind beschrieben, die die Vier mit ihrem Besuch beehrten, singend oder mit einer Python bewaffnet. Manche davon gibt es noch, andere sind Kneipengeschichte und somit hier verewigt. Besonders hängen geblieben ist mir Artur, der Gastwirt, der zur Sperrstunde den übrigen Wein auch gerne in eine Plastiktüte verpackte – zum Mitnehmen.
Klar, dass so ein sorglos-chaotischer Lebensstil Aufmerksamkeit auf sich zieht! Nicht nur kamen regelmäßig Freunde und Freundinnen zum Feiern zu Besuch, sondern auch die Polizei wurde auf die Gruppe aufmerksam, wenn mitten in der Nacht im Winter im Wald gegrillt wurde oder ein Klavier die Straße hochgeschoben. Aber prima, dann können die Ordnungshüter ja gleich mit anpacken.
Auch Hausdurchsuchungen fanden statt, immer wenn die RAF mal wieder ein Verbrechen begangen hatten. Die WG wurde auch observiert. Man konnte ihnen aber nichts nachweisen, weil es nichts nachzuweisen gab. Höchstens die Python fiel auf und provozierte die Frage, ob die Schlange angemeldet sei. Trotzdem verabschiedete man sich nach der Hausdurchsuchung mit: „Auf Wiedersehen!“
Und so feierten sich die vier mit Most, Mäusen, Motorrädern und Musik durch ihre besten Jahre. Einzelne Zitate gibt es auf Schwäbisch, und überhaupt lebt hier die Stimmung des chaotischen, nachts etwas schummrig beleuchteten Stuttgarter Altbauviertels ganz authentisch auf. Das Buch erinnerte auch mich an meine wilden Jahre (nicht ganz so wild, aber so ungefähr), an die 90er-Jahre im Stuttgarter Westen (die Partytradition bestand damals immer noch) und daran, dass ich mal wieder etwas Spontanes machen wollte. Mal sehen, wann ich im Kalender Platz dafür finde… Kurz und gut: Dieses Buch beschreibt einen Lebensstil, von dem man sich gerne eine Scheibe abschneiden würde.


Thomas Schulz: „Café Spontan – Es war einmal eine Stuttgarter Männer-WG“
Taschenbuch, 198 Seiten
ISBN 978-3-00-057220-3
Das Buch kann direkt beim Autor bestellt werden: schulzfidelio"at"t-online.de
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