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Die Preisrede (Manfred Kern)
07.07.2018, 15:38
Beitrag: #1
Die Preisrede (Manfred Kern)
Als der Schriftsteller einen renommierten Literaturpreis erhalten soll, nimmt er die Dankesrede zum Anlass, über das Buch zu sprechen, das Hauptwerk, das er eigentlich immer schreiben wollte, aber es nie getan hat: die Erzählung seiner Kindheit in seinem fränkischen Heimatdorf in den 1960ern. Inzwischen ist er nicht nur Ehemann von Judith und Vater von Amy, sondern auch Großvater von Selma. Und während er das Baby in den Armen wiegt, denkt er an seine eigenen Ursprünge zurück. Als Taufspruch will er der Kleinen mitgeben: „Bleib so unersättlich.“
Für ihn selbst war es wichtig, bei allen Härten nie seinen Hunger aufzugeben. Obwohl der Vater ihn als wehleidig beleidigte und regelmäßig prügelte, blieb er immer tapfer. All seine Liebe steckte er als Kind in den Fußball, spielte jedoch meist allein. Viel Zeit verbrachte er unbeobachtet in einem geheimen Versteck. Als die Lehrerin den Schülern gebot, nur noch Hochdeutsch zu sprechen, zerbrach seine sprachliche Welt zwischen Ursprung und eleganter Sprachreinheit. Konnte, wollte er eine fremde Sprache täglich benutzen? Die Mundart war doch seine Muttersprache, seine Herkunftssprache, ein Teil seiner selbst! Der Schüler „stolpert über das Hochdeutsche“. Zwischendurch wird erwähnt, dass der Junge außer dem Fußball auch das Schreiben zur Flucht vor der Welt nutzte. Es schien aber nicht sehr wichtig zu sein. Wann und wie und warum oder auch ob das Schreiben irgendwann den Fußball ersetzte, wird leider nicht aufgezeigt.
Dieser Roman mischt gekonnt Dialoge in breiter Mundart (ohne Übersetzungen) und ausgefeiltes Erzählerhochdeutsch. Die Perspektivenwechsel zur Lehrerin irritieren jedoch und hätten sich einsparen lassen, wenn die Lehrerin gelegentlich ihre Meinung über den Jungen äußert, beispielsweise in einem der Gespräche mit seinen Eltern.
Dieses Buch nun kündigt er so an: „Oh, mein Haupt-, zugleich Meisterwerk! Klage und Anrufung des Glanzes in einem – der allerdings recht angestaubt war; das Putztuch genommen und abgewischt! Wie zeigte es sich dann? Auf zweierlei Weise. Einerseits hatte ich von ihm die Vorstellung eines monumentalen Werkes, eines dicken, gewichtigen Buches, eines, das mich jahrelang beschäftigen, in Atem halten und beatmen und nicht mehr loslassen würde. Der Einband hatte nichts Helles, das Innere war geprägt von dunklen Farben, Erdfarben, auch von viel Schwarz und Weiß, grellem Licht und tiefen Schatten, erschien mir als ein vielschichtiges, vielfältig gebrochenes, kristallenes Ganzes. Und dann wieder sah ich es als dünnes Buch, als leichtes Buch, als eines, das mit einer Engelsfeder geschrieben wurde, mit viel Heiterkeit, in Pastelltönen, einem duftigen blau-weißen Himmel, einem chronologisch sich locker abwickelnden Zeitfaden, einem Helden, einem Alter Ego, der sich befreit sah – von so vielem. Ich schwankte unsicher zwischen diesen beiden Vorstellungen hin und her, aber keiner kam ich, wie oft genug erwähnt, durch meine Arbeit nahe. Zwischen diesen beiden Vorstellungen war der Abgrund, an dessen Rand ich mich mit jedem meiner Sätze bewegte.“(S. 28f)
So sorgfältig geschrieben der Roman auch ist, so erfüllt er leider diese hohen Ansprüche nicht. Wir sehen ein hilfloses Kind der Grausamkeit und Prügel des Vaters ausgesetzt, mehr oder weniger erfolglos geschützt durch die Mutter und allein gelassen durch die gleichgültige Lehrerin, die lieber in der Stadt arbeiten würde. Das schmerzliche Mitleiden bindet den Leser an die Geschichte. Aber es ist weder ein monumentales Werk (eher alltäglich) noch mit Engelsfedern geschrieben. Es wäre ja in Ordnung, dass jemand eine typische Kindheit erzählt, in der nichts Außergewöhnliches geschieht, wo das Kind hilflos leidet. Gefehlt hat dem Buch dann allerdings der Weg der Befreiung. Die lebensgefährliche Herzmuskelentzündung war ein Hilfeschrei, ein Bruch im Lebenslauf, doch was kam danach? Wie verlief nun die Loslösung, der eigene Weg bis hin zum Großvaterdasein? Wodurch hat der Erzähler sich weiterentwickelt oder hat er das überhaupt getan? Oder zeigt des Autors fehlende emotionale Distanz zu diesen Jugenderinnerungen gerade, dass die Befreiung nicht geklappt hat?
So jedenfalls schreibt mein kein großes Werk: „Ich habe das Gefühl, ich muss mich langsam nähern, in einem mehr oder weniger großen Bogen darauf zu bewegen, nicht ins Zentrum stoßen, von dem aus es (vermutlich) strahlenförmig nach außen geht; ich muss es, das Buch, das Problem, das es ist, umkreisen, wie ein Flugzeug vielleicht die Landebahn eines noch nicht genügend erforschten Flugplatzes, etwa in einem Dschungelgebiet, muss die Einflugschneise finden, den richtigen Einflugswinkel, um nicht zu zerschellen mit meinem windigen Ding. Die Gefahr sitzt mir im Nacken, bei jedem Wort. Was ist, den Vergleich mit dem Flugzeug gut sein lassend, das Gefährliche daran? Das zu wissen, wäre schon mal was. Die Gefahren, so scheint es mir, sind vielfältig und schwer berechenbar; jedenfalls ist da immer der Abgrund, der mich verschlingen will. Und ein Abgrund ist es, den ich von Anfang der Geschichte an vor mir sah, in Form eines Umstandes, der mein Vermögen überstieg: nämlich Hochdeutsch sprechen zu sollen in der Schule. Nicht ICH weigerte mich scheinbar, ES, irgendetwas weigerte und sträubte sich mit Haut und Haar dagegen. Wenn ich heute daran denke, bohrt sich immer noch eine Faust in meinen Magen und will sich durch mich hindurch fressen; alles in mir empört sich, vielleicht nicht alles, aber dieses ES empört sich; es empört sich schon gegen die Gestalt der Lehrerin, wie sie diese Maßnahme ankündigt, eines Tages, im Klassenzimmer.“ (S. 32) Inzwischen beherrscht der Autor die Fremdsprache Hochdeutsch, konnte also seine sprachliche Beschränkung verlassen. Was ist aber mit den anderen Barrieren? Nach meiner Erfahrung kann man Autobiographisches erst niederschreiben, wenn man es ganz verstanden und hinter sich gelassen hat. Dann fehlt diesem leidenschaftlichen Bericht wohl noch der richtige Schluss.

Manfred Kern, geboren 1956 in Rothenburg o.d.T., wuchs auf einem Bauernhof im mittelfränkischen Wettringen auf, arbeitete in Würzburg als Buchhändler und lebt heute als freier Schriftsteller in Coburg. Er schreibt Prosa und Lyrik in Schriftdeutsch und Mundart. 2013 wurde er für sein vielseitiges und vielschichtiges Werk mit dem Gottlob-Haag-Ehrenring ausgezeichnet.

Manfred Kern: Die Preisrede
Königshausen & Neumann, Würzburg, 2008
Taschenbuch, 154 Seiten, 14,80€
ISBN 978-3-8260-6454-8
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