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Jahre im September (Marko Ferst)
07.07.2018, 15:39
Beitrag: #1
Jahre im September (Marko Ferst)
Das Buch „Jahre im September“ mischt Gedichte und Erzählungen, Reiseeindrücke und politische Essays.
Die poetischen Reiseberichte und Landschaftsbilder entführen den Leser in den Spreewald, nach Tilsit und nach Öland, nach Polen und in den Ural, in die Tundra, zum Winterhimmel der Arktis. Farben, Nebel, hingestreute Birken. Hier werden Impressionen wie Farbtupfer einer impressionistischen Malerei aufs Papier geworfen, um ein Landschaftsbild zu ergeben. Beispielsweise in dieser Beschreibung der Krummen Lake bei Berlin-Müggelheim:


Krumme Lake

Gefügt in Grün
und Wälderdickicht
schilfumringtes Wasser
am Ufer Birkenfrisch
Gelb am Boden
winzige Blüten
Vogelbeeren im Schatten
Farne sprießen auf Morast
ausgedehnte Erlenzüge
Graureiher versteckt

Mit Eulenschild
ist alles geschützt
baden gilt als illegal
im Minutentakt
schrammen Flugzeuge
tief über Wipfel
Räder ausgeklappt
willkommen im Vogelschutzgebiet!
Blech und Krach am Himmel
Schwimmer finden sich ein
bei Sommerglut

[…] (S. 68)

Leider vermischt sich die Schönheit der Natur oft mit den Zeichen ihres Verfalls: schmelzende Gletscher, Frühling schon im Februar, Anstieg des Wasserspiegels. Die Farben und Gesänge der Zugvögel verlöschen hinter dem Horizont.
Die politischen Essays wehren sich gegen eine „kurzsichtige Sozialpolitik zu Lasten der Kommenden“, eine Politik, die „die Bande zwischen den Generationen zerfetzt“, kritisieren die Bankenkrise, den Teuro, Lobbyismus in der EU, den Afghanistan-Krieg, die Angreifbarkeit Deutschlands durch seine Atomkraftwerke, die stille Inflation, „koloniale Phantomschmerzen Frankreichs“, Hartz IV, das diejenigen bestraft, die Geld gespart haben, käufliche Bundeskanzler, die „weichgepinselte Berliner Regierung“, die Dummheit der Politiker im Allgemeinen und Speziellen. Die verfehlte Klimapolitik schreibt die Geschichte der Sintflut neu. Aktuelle Trends, aktuelle Verfehlungen, aber auch historische Ereignisse wie der 2. Weltkrieg oder die Brandschatzungen der Wikinger auf dem deutschen Festland werden kritisiert. Jammern und Kritik herrschen vor, konstruktive Vorschläge zur Verbesserung muss der Leser sich oft selbst dazu denken. In „Das Treibhaus öffnen“ (S. 107) wird empfohlen, „Wasser, Wind und Sonne“ ins eigene Haus zu speisen, „auf blauschwarzen Tafeln“ „Sonnenlicht zu fangen“ und die „Pfade in eine solare Republik“ zu betreten. „Freiheit in Verantwortung“ (S. 119) entsteht aus Ratlosigkeit und nicht geübten Predigten, die entsteht aus Wissen und Einsichten, das Überschreiten der eigenen Grenzen in die Grenzenlosigkeit.
Das Gedicht „Die Operation“ (S. 98) ist sehr persönlich und gibt dem Buch einen Anklang von Tagebuch.
Insgesamt entsteht das Bild einer Welt, die bereits den Abhang zum Verderben herunter rutscht wegen der Fehler der anderen, der Politiker, weil überall Mord und Gier herrschen und die Unvernunft. Die Unschuldigen sterben, die Reichen bereichern sich. Durch die Mischung der Texte wird der Gegensatz zwischen unschuldiger Natur und zerstörendem Menschen umso deutlicher. Während die Landschaften alle schön und abwechslungsreich sind auf unserem Planeten, herrscht in allen Himmelsrichtungen der zerstörerische Mensch über eine „todgeweihte Zivilisation“.


Marko Ferst: Jahre im September
Edition Zeitsprung, Berlin 2017
Taschenbuch, 212 Seiten
ISBN 978-3-744855020
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