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Verzauberter April (Elizabeth von Arnim)
21.12.2018, 16:57
Beitrag: #1
Verzauberter April (Elizabeth von Arnim)
Manche Bücher kann man mit großer Freude mehrmals lesen. Denn der Lesespaß beruht nicht allein auf der Frage, wie es ausgehen wird. Zu diesen Werken gehört „Verzauberter April“ von Elizabeth von Arnim – eine ausgezeichnete Lektüre für trübe Wintertage. Vier Londoner Damen, die einander bisher nicht kannten, schließen sich spontan zusammen, um für den gesamten Monat April ein Castello in Italien zu mieten. Die eine opfert dafür ihre Notgroschen, die junge Adlige dagegen sehnt sich nach einer Auszeit außerhalb der gewohnten Kreise. Zunächst knistert es vor Spannungen und Befürchtungen. Doch die optimistische Lotty, die das alles initiiert hat, glaubt fest an die Magie dieses paradiesischen Ortes, des Sonnenscheins, der duftenden Blumenfülle, des Meerblicks. Und sie behält Recht. Rose glaubte bisher: „Der Himmel ist in unserem Heim“. Doch sie wird eines Besseren belehrt. Ein vierwöchiger Urlaub in traumhaft schöner Umgebung kann Menschen verändern. „‘Es ist Ihnen doch klar, dass wir im Paradies sind, nicht?‘, strahlte sie [Lotty] Mrs. Fisher an mit der Vertraulichkeit eines Mitengels.“
Diese Stelle beschreibt sehr schön die Atmosphäre dieses Urlaubs: „Die Dienstboten gähnten.
Und dennoch waren die vier Besucherinnen, während ihre Körper dasaßen – Mrs. Fisher – oder lagen – Lady Caroline – oder herumschlenderten – Mrs. Arbuthnots – oder einsam in die Hügel hochstiegen – Mrs. Wilkins‘ –, in Wirklichkeit überhaupt nicht apathisch. Ihr Geist war rege wie noch nie. Selbst nachts war ihr Geist rege, und ihre Träume waren klare, lichte, lebendige Gebilde, völlig anders als die schweren Träume von London. Es war etwas in der Atmosphäre von San Salvatore, das diese besondere Regsamkeit des Geistes hervorbrachte.“
Die zunächst schüchtern wirkende Lotty Wilkins, die sonst immer im Schatten ihres untadeligen Ehemanns steht, befreit sich hier vom Zwang und benutzt plötzlich starke Wörter. Lotty fließt über vor stürmischem Gutsein und vor Liebe. Darum lädt sie ihren Angetrauten ins Paradies ein, um dieses mit ihm zu teilen. Der kühle Anwalt folgt ihr nur darum, weil er hofft, ihre neuen Freundinnen – insbesondere Lady Dester – als Klientinnen zu gewinnen. Ausnahmsweise findet Mellersh Lotty nützlich, weil sie ihm so interessante Menschen vorstellt. Und doch kommen die Eheleute einander näher. Lotty wird sogar am Ohr gezupft!
Rose Arbuthnot hatte sich schon viel weiter von ihrem Ehemann entfernt. Sie gingen getrennte Wege, er als Schriftsteller erfolgreicher unmoralischer Bücher und sie als wohltätiger Engel der Armen. Sie versuchte vergeblich, ihr Glück darin zu finden, gut zu sein. Für ihren lebenslustigen Mann war sie langweilig geworden, anstrengend. Sie glaubt nicht mehr daran, dass er sie lieben könnte. Sie sehnt sich sogar nach ihrer Arbeit zurück, die ihr so viel Halt gab. Nur auf wiederholtes Drängen Lottys lädt sie Frederick schließlich ein. Auch ihr Gatte begegnet ihr hier neu, doch nicht, weil er ihrer brieflichen Einladung folgt, sondern weil er Lady Dester nachreist. Was für ein Zufall! Doch den erfreuten Küssen seiner Ehefrau kann Frederick dann nicht widerstehen.
Mrs. Fisher, die allein lebt und ihren Erinnerungen an längst verstorbene Bekannte ihres Vaters nachtrauert, tut sich etwas schwerer mit dem Auftauen. Doch selbst in ihr wirkt die Macht des üppigen Frühlings. Sie spürt das Bedürfnis, sich auf ihre alten Tage weiterzuentwickeln. Sie wird unruhig, irrt umher auf der Suche nach etwas, von dem sie nicht weiß, was es ist. Bis sie es endlich begreift: Sie wünscht sich lebendige Freunde statt tote. Eine beste Freundin, die so wie Lotty ihr Wange an ihre schmiegt, einen Sohn wie Mr. Briggs, ihren Vermieter.
Lady Caroline Dester – zu Hause „Krümel“ genannt – fühlt sich ausgebrannt von ihrem Leben, verspürt eine „düstere Mattigkeit des Zuviels“. Ihr Leben war bisher laut und leer. Ständig machten ihr Männer den Hof, man überschüttete sie mit Aufmerksamkeit und Liebe. Ihr fehlte die Zeit, um in Ruhe über ihr Leben nachzudenken, ständig wurde sie umsorgt und andere forderten etwas von ihr. In San Salvatore kann sie in Ruhe nachdenken, denn die anderen Damen beschäftigen sich mit ihren eigenen Fragen. Caroline findet die Vorstellung beruhigend, „einen ganzen Monat mit Leuten zu verbringen, deren Kleidung […] vor fünf Sommern aktuell gewesen war.“ Da sie nun nicht mehr bedrängt und verfolgt wird, beginnt sie, sich zu öffnen, zunächst der unkomplizierten Lotty und schließlich – ganz unerwartet – einem Verehrer.
Offen bleibt: Hat San Salvatore wirklich eine läuternde Wirkung auf den Charakter? Oder werden sie alle wieder die Alten, sobald sie ins graue London zurückkehren?
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