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„Der Pfau“ von Isabel Bogdan
15.01.2017, 14:44
Beitrag: #1
„Der Pfau“ von Isabel Bogdan
Isabel Bogdan hat mit „Der Pfau“ eine meisterhaft konstruierte Komödie über ein Teambuilding-Seminar geschrieben. Lady und Lord Mac Intosh vermieten Teile ihres alten und etwas heruntergekommenen Landsitzes an Touristen und dieses Wochenende an eine Gruppe von Bankern, die für drei Tage ein Teambuilding-Seminar dort abhalten wollen. Dazu bringen sie nicht nur eine Psychologin, sondern auch eine Köchin mit. Trotz Anfangsschwierigkeiten hätte man das Wochenende für einen großen Erfolg halten können, wäre da nicht die Sache mit dem Pfau gewesen.
Zunächst erzähle ich die Geschichte ohne den Pfau: Vier männliche Banker, jeder ganz verschieden, kommen also mit ihrer Chefin Liz auf dem Landsitz an. Dieses entlegene Gebäude wurde vor allem darum gewählt, weil hier kein Handyempfang vom Seminar ablenkt. Schon die Kennenlernrunde scheint anzudeuten, dass diese Menschen einander nicht so wirklich kennen lernen möchten. Die Moderatorin Rachel schickt die Truppe als erste Übung in den Wald, um gemeinsam eine Hütte zu bauen. Dabei zeigen sich ganz deutlich die Rollenverteilungen, wie sie auch im Büro auftreten: Die Chefin Liz arbeitet nicht körperlich, sondern gibt das Kommando. Die eine oder andere Entscheidung ist auch falsch. Der fröhliche Jim begeistert sich dafür, eine Trockenmauer zu bauen, was die anderen zwar nicht gut finden, woran sie ihn aber auch nicht hindern. Der junge David trägt seinen Teil zur Gruppenarbeit bei und verachtet Bernhard, der wie immer bei der Chefin Liz schleimt und ihr die dicksten Äste schleppt. Als es zu schneien beginnt, gibt die Gruppe das Projekt auf, ohne der Hütte ein Dach aufzusetzen, das ohnehin auf diesem wackligen Gebilde nicht gehalten hätte. Andrew hatte sich von Anfang an geweigert, an diesem „vulgärpsychologischen Possenspiel“ mitzumachen, das nur der „Selbstentblößung“ diene. Die Moderatorin Rachel erkennt, dass sie hier auf Granit beißt. Sie versteht nun auch, warum ihr Chef, der Liz noch aus dem Studium kennt, dieses Seminar nicht selbst abhält, sondern sich plötzlich krank gemeldet hatte. Überhaupt ist Teambuilding mit Chefin eigentlich eine dumme Idee, vor allem mit dieser dominanten Chefin, die ihr Team ohnehin für eine Gruppe von Idioten hält. Es ist eher das ausgezeichnete Essen der Köchin Helen, das die Gruppe auftauen lässt. Auch dieser fällt die Inhomogenität der Gruppe auf, in der jeder ein anderes Getränk bevorzugt. Wäre die Gruppe wie geplant am Sonntag abgereist, hätte das Wochenende nichts gebracht. Aber sie werden eingeschneit und müssen bis Dienstag bleiben. In dieser Zeit kommen sich die Kollegen durch diverse Missgeschicke näher wie einen Stromausfall, Bernhards nächtlichen Sturz aus dem Stockbett oder einen falsch gedrückten Knopf im Whirlpool, aber auch das gemeinsame Singen von Liedern und die erfolgreiche Gruppenarbeit am Flipchart. Diese wird leider nur möglich dadurch, dass sich die Chefin erkältet hat und flach liegt. Sie selbst staunt, dass ihre Männer ohne sie überhaupt etwas hinbekommen und dann auch noch derart sinnvolle Ergebnisse. Zuletzt laden sie die Mac Intoshs noch zum Abendessen ein und reisen am Dienstagvormittag zufrieden ab.
Dass die Gruppe länger bleibt, hat auch den Vorteil, dass der Pfau länger abhängen kann. Ja, der Pfau. Er behämmert die ganze Geschichte und zeigt auf, dass das Verhältnis zwischen den Menschen dann doch nicht so prima ist, wie man glauben möchte. Er rutscht und knirscht in dieser Geschichte wie Sand im Getriebe. Die Mac Intoshs haben nicht nur zwei Hunde, sondern auch eine Gruppe von Pfauen und eine Gans, die frei herumlaufen. Liz bringt ihren Setter mit. Leider leidet einer der jungen männlichen Pfau an einer Hormonverwirrung und greift darum alles an, das blau ist – nur nicht die anderen Pfauen, denn die wehren sich. So hat er auch Rachels blaues Seidenpapier zerfetzt, unbemerkt aber auch das Auto von Liz ramponiert. Die Mac Intoshs haben es bemerkt, der Dame aber lieber nichts davon gesagt, weil sie fürchten, dass dieses erste auch das letzte Seminar bei ihnen sein würde. Der Lord erschießt nun lieber den verrückten Pfau und vergräbt ihn erstmal im Wald, zusammen mit dem Gewehr. Bei einem Spaziergang findet der Setter den Pfau und tut, was ein gut erzogener Jagdhund tut: Er apportiert den Vogel seiner Chefin. Diese ist völlig außer sich, weil sie glaubt, er habe den Vogel gerissen. Sie delegiert die Drecksarbeit, den Vogel wegzuschaffen, an den jungen David. Dieser ekelt sich, geht erstmal in der Küche einen trinken und klagt der Köchin sein Leid. Diese hat eine ganz andere Idee: Sie beide gehen in den Wald, sie rupft den Pfau und macht ihn küchenfertig und wird ihn dann als einen Fasan ausgeben und der Gruppe als Curry servieren. Das wird köstlich! Allerdings hängt der Pfau dann erstmal in der Speisekammer, wo er beim Stromausfall droht entdeckt zu werden, weil dort auch der Sicherungskasten hängt. Dieser Pfau treibt nicht nur einen Keil zwischen die Gastgeber und ihre Gäste, sondern auch in die Gruppe. Die Mac Intoshs haben ein schlechtes Gewissen, weil das Tier das Auto von Liz beschädigt hat, während Liz ein schlechtes Gewissen hat, weil ihr Hund den Vogel gerissen hat. Nur die Köchin weiß, dass der Vogel durch Schrot getötet wurde, behält dies aber für sich. Die ganze Pfauengeschichte ist letztlich für alle ein Rätsel, von dem sie nur einen Teil kennen. Da sie jedoch ihr Wissen vor den anderen verschweigen, ergibt sich nie das ganze Bild. Die Köchin weiß, dass der Vogel erschossen wurde, Jim hatte beim Hüttenbau das versteckte Gewehr gefunden und Bernhard den Lord gesehen, wie er ein Gewehr aus dem Wald holte. Da hätte man sich die Geschichte zusammenreimen und den armen Setter rehabilitieren können, hätten die Mitglieder des Teams miteinander gesprochen. Stattdessen unterstellen sie dem armen Hund, als die Gans der Gastgeber verschwindet, auch noch diesen Mord, und das Fleisch im Curry, das Helen nun durch ein Missverständnis als Gans ausgibt, könnte doch die Gans der Mac Intoshs gewesen sein, die der Setter seiner Lieblingsköchin apportiert hat. Die Gans wird jedoch lebend und wohlbehalten nach der Abreise der Gruppe wiedergefunden. So bleibt beim Leser also ein „Schade, schade“ zurück. Etwas anstrengend fand ich den distanzierten Schreibstil, der vollständig ohne direkte Rede auskommt und Dialoge nur als indirekte Rede wiedergibt. Außerdem wird immer nur – sagen wir mal – recht vorsichtig formuliert.
Ansonsten war dieses Buch aber ein prima Lesespaß mit ganz viel Schmunzeln.
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